04.09.2015 | 08:00 Uhr 

Fast geht der Ruf unter. Das Eintauchen der Ruderblätter, das Schwappen des Wassers, die Rufe der übrigen Teams, die Anfeuerung der Zuschauer. Und doch dringt dieser eine Ruf durch, findet die richtigen Ohren, bewirkt das, was sie sich alle erhofft haben: „Jetzt Feuer“, ruft, schreit wohl eher Johannes Weißenfeld seine Teamkameraden an. „Jetzt Feuer“ bedeutet: Noch eine Schippe drauf, einen Zahn zulegen. Und mit hoher Geschwindigkeit schiebt sich Deutschlands Vierer ohne Steuermann auf den letzten 500 Metern vom fünften Platz auf den so wichtigen dritten Rang vor, lässt zwei Boote hinter sich. Dieser dritte Platz im Halbfinale der WM in Lac d’Aiguebelette bedeutet das große Glück: Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio im kommenden Sommer. Dass sie außerdem im Finale am Samstag sind, ist ein ebenfalls freudiger Aspekt.

„Wir haben uns tierisch gefreut“, sagt Johannes Weißenfeld einige Stunden später. Der Herdecker und seine Teamkameraden - Maximilian Korge, Maximilian Planer, Felix Wimberg - waren „mit gehörigem Respekt“ in dieses Rennen gegangen. Deshalb, weil die Gegner so stark sind: In fast gleicher Besetzung wurden die USA Olympia-Dritte, die Australier sind Weltcupsieger - das nötigt dem jungen deutschen Team Hochachtung ab. Und so sind sie hochkonzentriert als sie das Rennen starten - und unendlich erleichtert, dass sie hinter den Niederlanden und Australien Dritte werden.

Dass die Qualifikation für Olympia geschafft ist, bedeutet allerdings noch nicht, dass die vier jungen Männer auch in Rio in einem Boot sitzen. Im Winter wird alles auf Null gestellt. „Da gibt es eine neue Qualifikation“, blickt Weißenfeld, der in der Heimat für RC Westfalen Herdecke rudert, ins Frühjahr 2016. Bis dahin sind vier Trainingslager angesetzt. Erst im Frühling entscheidet sich, wer die deutschen Farben bei Olympia vertritt. „Jeder will in den Achter“, gibt Weißenfeld Einblick in die Seele eines Ruderers. Wobei der 21-Jährige klar formuliert: „Ich wäre überglücklich, wenn ich nach Rio komme“, sagt der Medizinstudent - ohne sich auf ein Boot festzulegen. Sein Studium in Bochum will er für den großen Traum in den Ruhemodus stellen. „Ich versuche am Ball zu bleiben und zu lernen“, meint er, ist aber ehrlich: „Sehr viel bin ich nicht dazu gekommen.“ Noch stehen Klausuren an, das Physikum aber wird verschoben.

Olympia ist es wert. „Ich setze Prioritäten.“ Und die lauten: Trainieren! Sich den Trainern präsentieren. Dass er und seine Kollegen willensstark sind, haben sie in Frankreich bewiesen. Nun steht das Finale auf dem Programm. „Wir wollen uns gut verkaufen“, verspricht Bugmann Weißenfeld, für den die Qualifikation sogar einen höheren Stellenwert hat als ein vergangener Erfolg: „Ich habe mich so über den Finaleinzug gefreut wie letztes Jahr über die Silbermedaille im U23-Vierer – dies hat vielleicht sogar einen höheren Stellenwert.“ Auch wenn Weißenfeld „keinen Druck“ verspürt – „Feuer“ wird er seinen Kollegen sicher auch im Finale wieder zurufen. 

 

Text: Christine Lanwehr

Quelle: www.derwesten.de

 

Zusätzliche Informationen