27.07.2020

Die Olympia-Verschiebung warf die Ruderer des Deutschland-Achters aus der Bahn. Die Sporthilfe trug dazu bei, dass sie wieder fokussiert sind – jetzt auf Tokio 2021

 

Dortmund Johannes Weißenfeld ist konzentriert bei der Sache. Er bemalt einen weißen Turnschuh. Es ist für eine Werbeaktion. Doch der Satz, den er dann seinen Kollegen zuruft, hat Symbolkraft: „Ey, ich brauch‘ mal Gold!“ Johannes Wei­ßenfeld ist 25 Jahre alt und Ruderer. Er ist seit 2017 Teil des Deutschland-Achters, des Paradeboots des deutschen Ruderverbandes. Dreimal wurde er Weltmeister, dreimal Europameister. Sein Motto für diese Woche hätte sein sollen: „Ich hol‘ mal Gold.“ Doch an diesem sonnigen Tag am Dortmund-Ems-Kanal meint er Stift statt Medaille.

Eigentlich hätten Johannes Wei­ßenfeld und seine Kollegen sich nach ihrem Vorlauf am Sonntag ab heute auf das Finale am Freitag fokussieren sollen. In Tokio. Bei den Olympischen Spielen. Doch stattdessen beginnt für den Herdecker der Urlaub. Entspannung statt Anspannung. Auf einem anderen Schuh steht bereits das neue Ziel geschrieben: „Finale, 30.07.2021.“

Wegen der Corona-Pandemie wurden die Spiele um ein Jahr auf den Sommer 2021 verschoben. Für die Athleten war das ein herber Schlag. Das Ziel, auf das sie seit vielen Jahren hingearbeitet haben, dem sie so nah waren, war plötzlich weg. Einige standen vor der Frage: Wie weitermachen? Die Karriere noch mal um ein Jahr verlängern? Den Jobeinstieg verschieben? Wird es finanziell passen? Es waren viele auch existenzielle Entscheidungen, die die Sportler umtrieben. Geschichten über Einzelschicksale gibt es viele. Im Falle des Achters sitzen sie alle in einem Boot.

Hilfe durch Mentoren

Da ist zum Beispiel Martin Sauer. Der Berliner Steuermann ist 37 Jahre alt, der älteste, der erfahrenste im Team. Derjenige, der längst alles gewonnen hat, der aber mit Olympia-Gold seine Karriere beenden wollte, um dann als Jurist zu arbeiten. Johannes Weißenfeld hatte Glück: Er konnte sein Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum, das er für die Olympia-Vorbereitung runtergeschraubt hatte, wieder durch Online-Kurse intensivieren. Anders Malte Jakschik. Der Ruder­er vom RV Rauxel, der wie mehrere seiner Kollegen in Dortmund nahe des Stützpunktes lebt, hatte sein Maschinenbau-Studium in Bochum beendet. Im Januar ist er Vater geworden, die Hochzeit stand an. Nach Olympia wollte er in ein neues (Berufs-)Leben starten. Dann kam die Absage der Spiele. Wie Martin Sauer entschied er, seine Karriere noch einmal zu verlängern. „Doch jetzt ist da eine Lücke im Lebenslauf“, sagt er. Nicht alle Unternehmen sehen die Olympia-Vorbereitung als einen Vollzeitjob.

Rat holte sich Malte Jakschik bei der Deutschen Sporthilfe. Sie unterstützt die Athleten, die nicht durch Bundeswehr oder Polizei gefördert werden, nicht nur mit monatlichen Förderbeträgen, sondern auch mit praktischen Angeboten. Der Dortmunder machte ein Online-Bewerbungstraining, nutzte das Mentorenprogramm. Dabei helfen ehemalige Sportler mit ihrer Erfahrung. Sie vermitteln Kontakte, geben Tipps. „Die Gespräche haben mir geholfen“, sagt Malte Jakschik.

Thomas Berlemann hört das gerne. Seit April ist er Vorstandsvorsitzender der Sporthilfe. Er ist nach Dortmund gekommen, weil er die Athleten kennenlernen wollte. Er ist begeistert. „Das sind echte Typen. Wie hart sie arbeiten, was sie opfern. Es macht mich stolz, dass wir ihre Karrieren begleiten.“ Berlemann – nicht im Anzug, sondern im weißen T-Shirt mit Sporthilfe-Logo – begegnet den Ruderern auf Augenhöhe. Hört sich ihre Sorgen an und nimmt sie ernst. „Wir wollen uns verbessern, da müssen wir auch mit den Athleten sprechen.“

Von den Sportlern selbst ist große Dankbarkeit zu spüren. Gerade wurde die Elite- und Elite-plus-Förderung für Athleten mit Medaillenchancen um ein Jahr verlängert, die bisherigen Sponsoren blieben im Boot. Berlemann nutzt die Gelegenheit des Treffens, um die neuen Verträge vorbeizubringen. Die Ruderer unterzeichnen sie gerne. „Das ist ein regelmäßiges Einkommen, es ist eine große Erleichterung, dass man damit weiterhin planen kann“, sagt Malte Jakschik.

Im Gespräch mit den Athleten merkt man, dass die Situation nach Corona, nach der Olympia-Verschiebung längst noch nicht gut ist. Malte Jakschik sucht nach dem Abschluss seines Studiums etwas, das seinen Kopf fordert. „Das brauchst du“, sagt sein Kollege Johannes Weißenfeld. „Man darf fürs Rudern nicht komplett hohl sein, aber man hat schon das Gefühl zu verblöden, wenn man nichts nebenbei macht.“

Dass man sich um die Leistung aber keine Sorgen machen muss, beweist sich auf dem Wasser: Training. 90 Minuten. 20 Kilometer. Die Frage, ob es eine Pause gibt, beantwortet Bundestrainer Uwe Bender so: „Es gibt eine Wende.“ Muss reichen, um einen Schluck zu trinken. Er ist zufrieden: „Wenn es an die Arbeit geht, können sie sofort den Schalter umlegen.“

Johannes Weißenfeld, ein entspannter Kerl, der gerne einen Spruch macht, fällt aber auf: „Die Stimmung ist schon schlechter. Klar: Man sagt dir kurz vor dem Ende eines Marathons, dass du jetzt einen doppelten laufen musst. Aber es macht ja nichts besser, wenn man sich davon runterziehen lässt.“

Malte Jakschik und Johannes Weißenfeld haben sich immer wieder bei Gedankenspielen erwischt: „Was würden wir jetzt normalerweise machen? Normalerweise wären wir jetzt im Flieger. Normalerweise wären wir in Tokio. Normalerweise wäre der Vorlauf.“ Sie mussten lernen, das Wort „normalerweise“ aus ihren Gedanken zu streichen.

Finale, 30.07.2021.

 

Text: Melenie Meyer

Fotos: Michael Gottschalk FUNKE Foto Services

Quelle: WAZ.de

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